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Dispersionsdynamik von Widderchen zwischen verinselten Kalkmagerrasen in Süddeutschland unter besonderer Berücksichtigung von Naturschutzaspekten

— Hintergründe und Folgen der Verinselung von Kalkmagerrasen —


       Die auch als Wacholderheiden oder Halbtrockenrasen bezeichneten Kalkmagerrasen der Schwäbischen Alb sind durch den Menschen geprägte Landschaftselemente, die über Jahrhunderte durch extensive Beweidung in Form traditioneller Wanderschäferei geschaffen und erhalten wurden. Im letzten Drittel des 19ten Jahrhunderts verursachte ein weltweiter Verfall der Wollpreise, die Einfuhr von Billigfleisch und Exportbeschränkungen die weitgehende Aufgabe der Wanderschäferei (FISCHER et al. 1995, BEINLICH & PLACHTER 1995). Die Zahl der Schafe in Deutschland schrumpfte daraufhin sprunghaft von ca. 28 Mio. um 1850 auf 0,8 Mio. im Jahre 1965 (BRD) zusammen, stieg jedoch mittlerweile wieder auf 2,3 Mio. Tiere in den alten Bundesländern an (FISCHER et al. 1995). Als Folge hiervon gingen auf der Schwäbischen Alb alleine seit Beginn dieses Jhds. ca. 50 % der Kalkmagerrasen verloren (MATTERN 1985, MATTERN et al. 1979, 1980), ohne die Verluste des 19.ten Jhds. zu berücksichtigen. Die weitere Beweidung der verbliebenen Kalkmagerrasen in ihrer früheren Form ist aufgrund der Abkehr von der traditionellen Wanderschäferei zur stationären Hüte- und Koppelhaltung und einer Vergrößerung der Herden nicht gewährleistet. Die stationäre Schafhaltung führt aufgrund des fehlenden Nährstoffaustrages außerdem zu einer Eutrophierung der mageren Böden (BEINLICH & PLACHTER 1995). Darüber hinaus drängen niedrige Löhne und inflexible, oft lange Arbeitszeiten den Beruf des Schäfers in ein soziales Abseits. Früheres Weideland wurde deshalb häufig einer intensiven land- und forstwirtschaftlichen Nutzung zugeführt oder der natürlichen Sukzession überlassen. Eine starke Verkleinerung und räumliche Isolation der Kalkmagerrasen der Schwäbischen Alb war die Folge. Eine Entwicklung, die sich für andere Naturräume und Biotope ebenfalls nachvollziehen läßt und die von MADER (1980) treffend als „Verinselung" bezeichnet wurde. Kalkmagerrasen sind jedoch für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten wichtige Lebensräume, ihre Bewohner sind daher heute stark gefährdet. Die Populationen auf den verbliebenen Biotopinseln sind häufig zu klein um über einen längeren Zeitraum zu überleben. Für sie besteht ein erhöhtes Aussterberisiko durch Zufallsereignisse wie beispielsweise Feuer, Mahd, Krankheiten und Parasiten, Biotopzerstörung oder schlechte Witterung. Sofern kein Kontakt zu benachbarten Populationen gegeben ist, vermindern fortlaufende Inzuchtprozesse zusätzlich die genetische Stabilität der Populationen. Wichtige Rahmendaten bezüglich der Dispersionsdynamik vieler Tiergruppen sind nicht verfügbar. Für den praktischen Naturschutz sind u.a. Kenntnisse zu den maximal überbrückbaren Verbunddistanzen von Männchen und Weibchen einer Art, ihre Standorttreue, die Größe einer kleinsten überlebensfähigen Population (MVP), die Notwendigkeit linearer Ausbreitungshilfen und die Funktionalität von Trittsteinbiotopen erforderlich. Biotopverbund ist für viele Tiergruppen von überragender Bedeutung, da er die Voraussetzung für den Zusammenschluß kleinerer, selbst nicht überlebensfähiger Subpopulationen zu einer größeren, überlebensfähigen Metapopulation schafft. Zufallsrisiken werden dadurch auf eine Anzahl kleinerer Biotope verteilt, die von der Metapopulation in einem wechselndem Muster bewohnt werden. Innerhalb der maximalen Verbunddistanzen ist von jeder dieser Einzelflächen eine Wieder- und Neubesiedelung von Lebensräumen möglich. Angesichts des raschen Bestandes- und Artenrückganges der heimischen Flora und Fauna (WITT & RISSLER 1988), sowie ihrer negativen Zukunftsaussichten, sollte umgehend die Funktionalität von Biotopverbundsystemen als Beitrag zum Erhalt der heimischen Artenvielfalt untersucht werden. Biotopverbundkonzepte könnten beispielsweise an ausgewählten Tiergruppen und Landschaften erprobt und durch gezielte Maßnahmen verbessert werden. Die Widderchen der Kalkmagerrasen (Lepidoptera, Zygaenidae, Zygaena spp.) eigneten sich aufgrund ihres stenöken Charakters und der verinselten Lage ihrer Lebensräume im Untersuchungsgebiet ausgezeichnet zur Untersuchung ihrer Dispersionsdynamik. Weitere Vorteile der Widderchen wie beispielsweise ihre tagaktive Lebensweise, ihre auffallende Färbung und leichte Auffindbarkeit und nicht zuletzt ihre Eigenschaft, sich ohne Netz leicht fangen und anschließend makieren zu lassen, prädestinieren diese aus praktischer Sicht geradezu für die Durchführung von Wiederfanguntersuchungen. Für Baden-Württemberg liegen derzeit keine Verbundstudien vor. Ein direkter Anwendungsbezug für den praktischen Naturschutz ist aufgrund der starken Gefährdung von Widderchen und ihrer Funktion als Ziel- und Leitarten für den Naturschutz gegeben.


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