zurück zur Homepage

 

Dispersionsdynamik von Widderchen zwischen verinselten Kalkmagerrasen in Süddeutschland unter besonderer Berücksichtigung von Naturschutzaspekten

 

 

Zusammenfassung


                  In 1993 und 1994 wurde eine ca. 30km² große Fläche auf der Schwäbischen Alb bei Blaubeuren, Ulm, Süddeutschland systematisch auf Widderchenpopulationen (Zygaena spp.) hin kartiert. Die vorgefundenen Widderchenbiotope waren zwischen 0,14-3,2ha groß, isoliert und auf das gesamte Untersuchungsgebiet verstreut. Die Biotope repräsentieren Kalkmagerrasen (Mesobromion) in unterschiedlichen Sukzessionsstadien und sind Lebensraum von 90% der im Untersuchungsgebiet nachgewiesenen und gefährdeten Schmetterlingsarten. Eine, für das gleiche Gebiet durchgeführte Auswertung von Flurkarten der Jahre 1821, 1937-1950 und 1991, belegt einen 95 prozentigen Rückgang der Kalkmagerrasen seit 1821 und eine räumliche Isolation bzw. Verinselung der verbliebenen 5%. Die Auswirkungen schrumpfender Populationsgrößen und fragmentierter Biotope auf Schmetterlingszönosen ist nicht bekannt, es erscheint jedoch wahrscheinlich, daß fragmentierte Populationen nur durch einen regelmäßigen Austausch von Individuen überleben können. Tagaktive Widderchen eignen sich ausgezeichnet um die Dispersionsdynamik zwischen isolierten Biotopen zu untersuchen, da diese leicht gefangen und markiert werden können, an Kalkmagerrasen gebunden und gefährdet sind. Um Einsicht in die Struktur und Dispersinsdynamik fragmentierter Populationen zu erhalten, wurden auf einer 10km² großen Fläche mehr als 2000 Widderchen in 8 Arten (Zygaena filipendulae [n=829], Z. carniolica [n=274], Z. viciae [n=580], Z. loti [n=281], Z. transalpina [n=97], Z. lonicerae [n=16], Z. purpuralis und Z. minos [n= 37 (beide Arten zusammen)]) gefangen, individuell markiert und in zweitägigen Intervallen über ihre gesamten Flugzeiten wiedergefangen. Anschließend wurde die Anzahl und die Distanzen der Dispersionsflüge, die Populationsstruktur und Informationen zur Ökologie und Biologie der Widderchen analysiert. Demzufolge sind Widderchen imstande Distanzen zwischen 1-3km zu überfliegen. Die größte zurückgelegte Distanz von 3,3km wurde für ein Männchen von Z. filipendulae beobachtet. Die höchsten Austauschraten wurden für Z. carniolica (7,6%) und Z. filipendulae (6,5%) und etwas geringer für Z. loti (3,9%) ermittelt. Trotz der großen Zahl an markierten Individuen wurden für Z. viciae nur wenige Dispersionsflüge (1,6%).beobachtet. Geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich des Dispersionsvermögens wurden nicht festgestellt. Die Austauschraten nahmen mit zunehmender Entfernung der Biotope ab. Das junge Alter der beobachteten Flächenwechsler sowie direkte Beobachtungen von Paarungen in den neuen Biotopen belegen ihre Fähigkeit zum Genpool der benachbarten Populationen beizutragen. Berechnungen der Populationsgrößen nach Jolly-Seber zeigen, daß die meisten der fragmentierten Populationen für eine kleinste überlebensfähige Population zu klein sind. Demzufolge ist das Überleben der untersuchten Populationen nur als Verbund zu einer größeren Metapopulation, mit regelmäßigen Individuenaustauschen möglich. Auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse werden Handlungsempfehlungen für den Naturschutz gegeben die einen Kompromiß zwischen Naturschutz und Landnutzung zum Schutze gefährdeter Kalkmagerrasenarten am Rande der südlichen Schwäbischen Alb darstellen. Die Empfehlungen stützen sich auf die Notwendigkeit von Individuenaustauschen zwischen fragmentierten Biotopen und beinhalten ein Netzwerk aus Biotopen, bestehend aus Trittsteinen, verbliebener Kalkmagerrasen und aufgelassenen Steinbrüchen. Letztere entwickelten sich im ungestörten Zustand zu artenreichen Trockenstandorten. Durch eine zukünftige Einbindung von Steinbrüchen nach Nutzungsaufgabe könnte entlang des südlichen Albtraufes ein lineares Biotopverbundsystem geschaffen werden, das durch seine größere Ausdehnung stabilisiert wird.


zurück zur Übersicht